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Ursula Dittmer ...
Fasanthiola-Zyklus
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Die Felsenstadt Semal Rethis
Prolog, Danach: Ausschnitte aus dem 3. Kapitel

Alicea sah auf den Fürsten hinab, der vor ihr in seinem Tragestuhl hing. Er schlief mit offenem Mund. Das vom Fieber aufgedunsene Gesicht war gerötet und schweißnass. Sie zog einen Stofflappen aus dem Ärmel und tupfte ihm behutsam über die Stirn. Dann verließ sie den Raum, um mit den Mitgliedern des Ordens die Zeremonie vorzubereiten.

Magrostis öffnete mühsam die Lider, als er sie gehen hörte. Sein linkes Auge war zugeschwollen, seit ein Insekt ihn dort gestochen hatte. Vorsichtig drückte er mit dem Finger darauf, bis der unerträgliche Juckreiz etwas nachließ.
Er hatte sich angesteckt. Sein persönlicher Lakai war vor Tagen dem Fieber erlegen. Er hätte nicht zulassen dürfen, dass Rjektor ihn während seiner Krankheit weiter bediente. Aber der Diener war der letzte vertraute Mensch im Tross gewesen. Nun gab es nur noch die Hohepriesterin und die allgegenwärtigen Männer in ihren schwarzen Kapuzenmänteln. Obwohl auch von ihnen einige auf dem Weg gestorben waren, schienen sie immer zahlreicher zu werden.

Die Reise zu diesem Ort hatte von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden. Es hatte damit begonnen, dass in den Sümpfen und im Großen Wald bereits die Regenzeit angebrochen war. Mehrmals waren sie vom rechten Weg abgekommen, während der gnadenlose Regen stundenlang auf sie niederprasselte.
In der Vergangenheit hatte Fürst Magrostis Fasanthiola oft bereist. Seine Berater planten diese Erkundungsreisen sehr umsichtig. Von ihnen wusste er, dass es nicht ratsam war, sich zu dieser Jahreszeit in der Gegend um den Taubabori aufzuhalten.
Doch diesmal hatte ihn niemand über das Ziel der Reise informiert und von einer sorgfältigen Planung war nichts zu spüren. Darüber verärgert hatte er Alicea zur Rede gestellt. Sie konterte, der Erfolg ihres Vorhabens hinge von äußerster Geheimhaltung ab. Sein Vertrauen wurde durch diese anmaßende Äußerung nicht wiederhergestellt. War nicht er die Person, um die es bei dieser Unternehmung ging?
Nun, da sie den Bestimmungsort endlich erreicht hatten, musste er der Rethina(*FN* Rethina - Hohepriesterin der Göttin Retha*FN*) recht geben. Diese versteckte Stadt hoch oben auf dem Gebirgszug des Taubabori schien viele Geheimnisse zu bergen. Die Spione seines Sohnes sollten besser nichts von diesem Ort wissen. Später konnte er das immer noch ändern. Später, wenn seine Regierung erneut gefestigt war.

Die Missgeschicke hatten sich fortgesetzt. Beim Befahren des Mirsmor war eines der Boote gekentert und hatte einen Magier, die Mannschaft und einen Großteil des Proviantes mit sich gerissen. Dann war das Fieber ausgebrochen, und sie hatten die Kranken an der Anlegestelle der Fähre zurückgelassen, weil es dort ein steinernes Haus gab mit einem richtigen Dach. Noch Tage später hatte er sich nach diesem bescheidenen Haus zurückgesehnt. Da war bereits das Korn verschimmelt, und das Rauchfleisch voller Maden gewesen. Und die Kapuzenmänner lehnten es ab, auf die Jagd zu gehen.
Als schließlich auch noch einer der Tragekörbe beim Hochziehen zu den Höhlen durchgebrochen war und weitere Männer in den Tod gerissen hatte, war er am Ende seiner Kraft gewesen.
„Die Götter sind gegen uns!“, hatte er gejammert.
Doch Alicea hatte ihn ausgelacht: „Natürlich sind die Götter gegen uns. Was dachtest du denn? Ich habe gehört, dein Sohn Reskothi schreckt nicht einmal vor Menschenopfern zurück, um die Götter dazu zu bringen, unser Unternehmen zu verhindern.“

Wegen all dieser Widrigkeiten verzögerte sich ihre Ankunft auf dem Taubabori. Als der Mond zum ersten Mal seine volle Rundung gezeigt hatte, waren sie von ihrem Ziel noch weit entfernt gewesen.
Der Aufstieg durch die Höhlen hatte sie auf eine offene Hochebene emporgeführt. Dort befand sich eine prächtige Stadt. Magrostis konnte sich nicht erinnern, je von ihr gehört zu haben. Trotz des Dämmerzustandes, in den die Krankheit ihn versetzt hatte, nahm er breite Straßen und solide gebaute Häuser wahr.
Der letzte Abschnitt hatte noch einmal alles gefordert was er geglaubt hatte ertragen zu können. Hunderte von Stufen führten steil den Felsen hinauf. Schließlich schleppten ihn einige der kräftigeren Kapuzenmänner abwechselnd nach oben. Einer trug ihn gar wie einen Sack über den Schultern.
Im Tempel der Verwandlung angekommen, warteten sie auf den nächsten Vollmond. Dieser erzwungene Aufschub kam seinen Wünschen entgegen, denn er hoffte, in dieser Zeit gesund zu werden. Doch noch immer schüttelte ihn das Fieber in heftigen Schüben. Die Krankheit und die Entbehrungen hatten seinen Körper so geschwächt, dass er bis auf die Knochen abgemagert war.

Alicea hatte die Gebundenen Hüter der Traumbücher zusammengerufen. Sofsana, der bereits seit Wochen in der Geheimen Stadt weilte, hatte darauf gedrängt. Zu vieles war auf der Reise geschehen, und er wollte nicht riskieren, dass der Zorn der einheimischen Götter ihr Vorhaben zunichtemachte. Als das mächtige Septett mit den Büchern im Kraftkreis zusammentraf, hatte die gebündelte Energie ein kleines Erdbeben provoziert, bei dem Teile der Tempelanlagen eingestürzt waren.

Magrostis musste gestützt werden. Er taumelte zwischen zwei Kapuzenmännern, die ihn kaum halten konnten. Trotzdem war er bei vollem Bewusstsein und sehr aufgeregt. Heute würde er eingehen in die Unsterblichkeit. Er würde ewig leben und Fasanthiola ewig regieren.
Als das letzte der Traumbücher in seine Vertiefung glitt, schoss eine magische Flamme vom Altar empor. Sie umhüllte den Fürsten, der sich schreiend wand und verzweifelt versuchte, dieses Feuer mit den Händen zu löschen. Er warf sich auf den Boden und wälzte sich auf den Steinen, um es zu ersticken.
Hunderte von Männern in schwarzen Kapuzenmänteln unterbrachen ihren mystischen Gesang, und verfolgten gebannt das Drama, das sich vor ihren Augen abspielte.
Als das grelle Licht der Flamme endlich erlosch, blieb Magrostis bewegungslos liegen.
Alicea, die ihm am nächsten gestanden hatte, ging neben ihm auf die Knie und presste ihr Ohr auf seine Brust.
Sie erhob sich und schüttelte müde den Kopf. Dann straffte sich ihr Körper und sie befahl: „Bahrt ihn drei Tage lang auf. Sollte er nicht wieder zu sich kommen, müsst Ihr ihn konservieren und nach Semal Rethis schaffen. Lasst es so aussehen, als habe Reskothi ihn umgebracht.“
Sofsana starrte sie ungläubig an.
Sie wedelte mit der Hand, als wolle sie eine Fliege verjagen.
„Du hast versagt!“, zischte sie ihm zu. „Geh mir aus den Augen! Beim nächsten Vollmond werde ich mich selbst der Magie der Bücher stellen.“


***

Autorin Ursula Dittmer - Verantw. i. Sinne des §22 Abs 2 und des §5 Telemediengesetz: Ursula Dittmer  | fasanthiola@gmx.de