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Ursula Dittmer ...
Fasanthiola-Zyklus
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Prolog aus Fasanthiola 1 - danach: Aus dem ersten Kapitel.

Es war sehr heiß. Fürst Magrostis begrüßte die kleine Brise, die herein strich und ihm die Stirn kühlte. In diesen Tagen liebte er den nach allen Richtungen offenen Raum, der jeden Windhauch hereinließ. Er fühlte sich erschöpft. Er hätte sich lieber auf die bequeme Liege gelegt, um ein bisschen zu schlafen. Aber er war nicht allein. Neben ihm, mit der Schulter an eine Säule gelehnt, stand Reskothi, die Arme vor der Brust verschränkt, den Mund missmutig verzogen.

Magrostis saß auf einem mit Arabesken verzierten, steinernen Thron. Hinter ihm flirrte das Sonnenlicht des frühen Nachmittags durch das Blattwerk der alten Bäume draußen im Garten. Sein Zeigefinger steckte zwischen den Seiten eines dicken Buches, das auf seinem Schoß ruhte. Er seufzte müde. Er gab sich einen Ruck, lächelte seinen Sohn milde an und meinte: „Ich sage es dir noch einmal: Es hat nichts mit deiner Person zu tun, Reskothi. Du bist mir immer ein guter Sohn gewesen. Du bist begabt; deine Lehrer loben dein mathematisches Geschick. Doch dein Hunger nach Macht gefällt mir nicht. Deine Ungeduld ist verständlich, mir ging es in deinem Alter genauso.“

Reskothi stieß sich von der Säule ab und kam einen Schritt näher. Der Fürst hob die Hand, um ihn aufzuhalten. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dir trotz deiner Jugend die Verwaltung unserer Güter im Osten zu übertragen. Das wäre eine sinnvolle Aufgabe für dich und eine große Verantwortung.“

Reskothi schnaubte verächtlich. „Du willst also einen besseren Bauern aus mir machen. Das ist nicht mein Lebensziel. Ich lasse mich nicht aus der Hauptstadt weg aufs Land schicken. Ich bin alt genug, um in die Regierungsgeschäfte eingeführt zu werden, damit ich deine Nachfolge antreten kann. Doch nichts dergleichen geschieht. Stattdessen verlegst du den Hof hierher nach Semal Rethis, wo ich umgeben bin von wertlosem Künstlervolk. Du besorgst mir schöne Frauen und veranstaltest Jagdgesellschaften für mich, bei denen deine Hofschranzen um meine Gunst buhlen.“

Der Prinz ballte die Fäuste, beugte sich vor und zischte: „Es langweilt mich. Es macht mich wahnsinnig, hier zu sein und meine Tage zu vergeuden!“

Magrostis zog den Finger aus dem Buch. Er beobachtete seinen hitzköpfigen Sohn, der begonnen hatte, vor ihm auf und ab zu laufen.

„Früher oder später ist es an mir, Fasanthiola ein guter Herrscher zu sein!“, Reskothis Stimme klang heiser vor Anspannung. „Ayu, es tut mir leid, dir das so sagen zu müssen, aber du wirst nicht ewig leben.“ Er verbeugte sich tief und fügte an: „Verzeih mir meinen Mangel an Respekt.“

Das Gesicht seines Vaters lief zornrot an. Reskothi trat instinktiv einen Schritt zurück. Der Fürst hatte eine besondere Technik, einem mit dem Handrücken ins Gesicht zu schlagen. Meist hinterließ sein großer Fingerring dabei eine blutige Schramme. Diesmal blieb die Hand mit dem Ring auf dem Buchrücken liegen. Als sein Vater sprach, tat er es mit beängstigend leiser Stimme: „Mir tut es nicht leid, Hosja, dir zu versichern, dass ich genau das vorhabe. Ich werde ewig leben.“

Reskothi lachte wider besseres Wissen schrill auf. „Ayu! Retha setze deine Füße noch lange Jahre auf weiches Gras, auf dass du sanft deine Wege findest. Mit einem solchen Wunsch wirst du Numa verärgern, die dich eines Tages in ihrem Totenreich erwartet. Du kannst den Gesetzen der Zwillinge nicht trotzen.“

Magrostis hob das Buch mit beiden Händen ein wenig an. Er zog die Brauen hoch und der Blick, mit dem er seinen Thronfolger bedachte, war hart, doch nicht bedrohlich. Der Junge entspannte sich. Sein unbedachtes Lachen würde nicht bestraft werden. Vielleicht lernte der alte Mann endlich, in ihm einen Partner zu sehen. Er straffte die Schultern in neuem Selbstbewusstsein, bereit, es heute auf eine Auseinandersetzung ankommen zu lassen.

Der Herrscher öffnete den Mund, um zu sprechen, aber er überlegte es sich anders. Ein kurzes Lächeln glitt über sein Gesicht. „Glaub was du willst, Sohn“, meinte er und erhob sich. Er legte das Buch auf einem kleinen Tisch ab und ging hinüber zu der Balustrade, die den Raum zum Park hin begrenzte. Er stützte sich schwer darauf und der Prinz hörte ihn laut seufzen. „Sei am Abend mein Gast, Hosja. Wir werden ein Heilbad nehmen und gemeinsam essen.“

Reskothi war entlassen. Er schwankte zwischen Hoffnung und Bangen. Hatte er den Alten dazu gebracht, über seine Worte nachzudenken? War diese Einladung ein ‚nicht jetzt, aber später’ - Angebot? Mit steigender Wut betrachtete er den breiten Rücken des Herrschers, der weiter in den Garten hinaus blickte. Selbst seine Rückseite strahlte ruhige Entschlossenheit aus. Sein Vater bestimmte wie immer die Spielregeln und Reskothi würde sich unterordnen müssen. Missmutig drehte sich der Junge um und stampfte wütend aus dem Raum.

Der Fürst hatte sich verändert. Er lebte fast nur noch hier in Semal Rethis, das er vor Jahren als Sommersitz ausgebaut hatte. Er umgab sich mit Künstlern, denen er großzügige Wohnräume und Werkstätten zur Verfügung stellte. Die Regierungsgeschäfte überließ er seinen Beratern und dem Hohen Rat in der Hauptstadt. So konnte das nicht weitergehen. Manchmal war er tagelang nicht ansprechbar, bekam nächtlichen Besuch von Menschen, die sich in schwarze Kapuzenmäntel hüllten. Seit Tagen war die Rethina aus dem Kloster der Heiligen Frauen in Tergant zu Gast. Sie war eine Frau, die Reskothi für nicht ganz zurechnungsfähig hielt, um es vorsichtig auszudrücken. Sie war öfter mit dem Fürsten zusammen als jeder andere Angehörige des Hofes.

Verschiedene Leute hatten den Prinzen auf diesen Umstand angesprochen. Der Thronfolger behielt seine eigenen Ambitionen für sich. Doch er hörte genau zu, wenn sie ihm zu verstehen gaben, dass sie seinen Machtanspruch unterstützen würden, sollte er sich gegen den Herrscher erheben.

Was hatte sein Vater vor? Wie konnte ein Mann sich vornehmen, ewig zu leben? So etwas auch nur zu denken verletzte das Gesetz der Göttinnen von Leben und Tod.

Semal Rethis hieß Ruheplatz der Retha. Magrostis hatte seinen Sommersitz an einen Berghang gebaut. Er nutzte dabei die im Inneren des Berges gelegenen Höhlen und Kammern, die eine weitaus ältere Kultur hinterlassen hatte für Wohn- und Wirtschaftsräume.

Reskothi eilte durch die unterirdischen Gänge, bis er zu den Stallungen kam, die etwa in der Mitte des Bergmassivs lagen. Er scheuchte mit einem derben Fußtritt einen Stallburschen auf, der im Durchgang zwischen den Pferdeverschlägen lag und schlief. Der Bursche sprang verstört auf und lief ihm voraus zu dem Verschlag, in dem Reskothis Schimmelstute stand. Das Tier spürte den inneren Aufruhr seines Reiters und wehrte sich heftig gegen Zaum und Sattel. Der Prinz schlug das Pferd und den Jungen mit der Gerte, bis die Stute endlich aufzäumt war.

Jemanden zu schlagen tat ihm so gut, dass er den Knecht so lange prügelte, bis dieser zusammenbrach.

 

„Dein Sohn ist stark und besitzt die ganze Ungeduld eines Jugendlichen. Du solltest ihn umgehend sinnvoll beschäftigen, damit wir für unser Vorhaben die nötige Ruhe haben.“

Magrostis tupfte sich mit einem feinen Tüchlein den Schweiß von der Stirn. „Es war ein Fehler, ihn zu reizen, ich weiß. Er hat bisher nie so offen von seinen Wünschen gesprochen wie heute. Er dürstet nach der Macht und ahnt, dass er sie nie erlangen wird. Seine anmaßende Rede hat mich sehr aufgebracht. Wie kann er! Auch wenn ich ein normales menschliches Alter erreichen würde, käme er noch lange nicht auf den Thron. Wieso also verlangt es ihn jetzt schon danach? Ich verstehe mich immer weniger mit ihm.“

„Er ist dir zu ähnlich. Du siehst dich selbst in ihm und das erträgst du nicht.“

Magrostis drehte sich zu Alicea um, eine heftige Bemerkung auf den Lippen. Doch als er sie zärtlich lächeln sah, meinte er nur: „Erlebst du mich so wie ihn? Unbeherrscht, zornig und rücksichtslos?“

Sie kam zu ihm und strich ihm eine graue Haarlocke aus dem Gesicht. „Früher warst du wie er. Heute schätze ich deine Weisheit und deine besonnene Art. Du bist mit deinen Aufgaben gewachsen. Du wurdest ein guter Herrscher. Das Volk verehrt dich wie einen Gott. Deshalb haben wir dich ausgewählt.“

Lauschend drehte sie den Kopf, trat einen Schritt zurück und sagte laut: „Ich habe Sofsana mitgebracht. Er hat ein Geschenk für dich.“

Die Tür zum Flur öffnete sich fast lautlos und eine Gestalt in einem weiten, schwarzen Kapuzenmantel betrat den Raum. Im Licht der inzwischen tief stehenden Sonne sah der Fürst kurz die Kinnpartie des Gesichtes, das sich unter der Kapuze verbarg. Eine Tätowierung zierte das Kinn, die Lippen waren scharf geschnitten und von keinen Falten umgeben. Magrostis wunderte sich, denn aus irgendeinem Grund hatte er sich den Magier immer als alten Mann vorgestellt.

Sofsana hob den linken Arm und zog ein Buch aus dem weiten Ärmel seines Mantels.

Magrostis schnappte nach Luft: „Ihr habt es!“, flüsterte er heiser.

Plötzlich überkam ihn die blanke Panik. Ihr Ziel war in greifbare Nähe gerückt. Ihm wurde bewusst, dass er bis zu diesem Augenblick nicht ernsthaft an das Gelingen ihres Unternehmens geglaubt hatte. Doch der Magier hatte das letzte Buch gefunden und an sich gebracht. Nun würde die Geschichte ihren Lauf nehmen.



***

 

Fasanthiola 1 - Ausschnitte aus dem 1. Kapitel

… Schweißtropfen bahnten sich den Weg über meinen Rücken. Erst dachte ich, das käme von der Aufregung, doch allmählich wurde mir bewusst, wie warm es geworden war. Warm und feucht. Ich schwitzte, weil es warm war, eine völlig natürliche Körperreaktion.

Der wabernde Bodennebel löste sich auf, es wurde unglaublich schnell hell und eine fahle Sonne schien von weit oben durch ein dichtes Blätterdach. Von oben! Mittag? Wie konnte das sein? Hatte ich nicht die Sonne über dem Nikolausberg untergehen sehen und war danach in tiefster Nacht wieder zu mir gekommen? Ich taumelte, weil mir plötzlich schwindlig wurde.

Wo war ich? Das war nicht das Mainufer in Würzburg. Die Szene verschwamm vor meinen Augen. Mir wurde übel. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus. Das tat gut, mein Blick wurde wieder klar. Trotzdem verstand ich nicht, was ich sah.

Entsetzt registrierte ich um mich herum riesige Bäume und, wie von einer Lautsprecheranlage gesteuert, setzten schlagartig Geräusche ein. Exotische Vögel waren da zu hören und etwas entfernt lautes Rauschen, wie von einem Wasserfall. Als dicht vor mir ein großer bunter Vogel kreischend auf einem der niedrigeren Äste landete, stolperte ich vor Schreck nach hinten und fiel über eine Baumwurzel in einen dichten riesigen Farn. Ich blieb fürs erste keuchend auf dem Rücken liegen und blickte durch wippende Farnwedel nach oben in ein dichtes Blätterwerk.

Ich lauschte in mich hinein. Ich schmorte in meinem Anorak, mein Herz holperte und ich spürte ein merkwürdiges Ziehen in Armen und Beinen, so als hätte ich eine Zeitlang krampfhaft die Muskeln angespannt gehabt. Ansonsten schien alles mit mir in Ordnung zu sein. Doch die Panik wich nur langsam von mir.

Es ist natürlich ein Traum, beschloss ich, um eine Erklärung bemüht. Ein Traum! Ein unglaublicher Traum, bunt und zumindest auf den ersten Blick wunderschön. Es stellte sich nur die Frage, wann zwischen den Bäumen die ersten Verfolger heran stürmen würden. Ich lachte schrill auf, als mir meine typischen Alpträume in den Sinn kamen, schloss die Augen und sog tief die Luft ein.

Es roch nicht nach ‚November-am-Main’: Feuchtes Laub, leichter Geruch nach Öl, Schlamm und Algen aus dem Fluss. Hier unten duftete es nach gesunder Erde, nach Pilzen und eine warme Brise fegte durch die Blätter und trug einen süßen Geruch heran ...

 

… Der Drache schwebte gemächlich über das Land. Ich taute allmählich wieder auf und hatte Muse, mich umzusehen. Viel gab es nicht zu sehen, denn die Wolken hingen tief zwischen den mächtigen Baumwipfeln. Also bewunderte ich die enorme Spannweite der Schwingen, die sich fast durchsichtig unter mir ausbreiteten. Sie reagierten sensibel auf die Thermik, sodass der Drache selten mit den Flügeln schlug. Anscheinend genügte schon das bisschen Wind, um uns zu tragen.

Ich vermied es, direkt nach unten zur Erde zu schauen, die in beträchtlicher Tiefe unter uns vorbei zog. Eingeklemmt zwischen die starken Rückenhöcker fühlte ich mich einigermaßen sicher, was jedoch nicht hieß, dass ich frei von Angst war. Ich war ständig darauf gefasst, dass der Drachen wieder in diese eisige graue Zwischenwelt eintauchen würde. Eine Zwischenwelt war sie wohl, wenn sie dazu diente, die Drachen schnell an andere Orte zu bringen. Eine Zwischenwelt, ein Nichts, ein graues Nichts, das die übrigen Welt zusammenpresste. Durch Druck entsteht Kälte ... Ich schüttelte mich.

Als ich mir gerade überlegte, ob mir vom Fliegen schlecht war, aus Hunger oder aus Furcht, zeichnete sich in der Ferne die Silhouette eines einzelnen, mächtigen Tafelberges ab von dem der Drache meinte, er sei unser Ziel. Wir glitten durch staubfeinen Regen darauf zu.

Allmählich konnte ich die Flugbewegungen des Drachen besser einschätzen und mein Magen beruhigte sich. Ich spürte die Anwesenheit des Drachen manchmal wie eine zarte Berührung in meinem Geist, so als versichere er sich, dass es mir gut ging.  

Herkon, er heißt Herkon, kam es mir in den Sinn. Es schaut so aus, als könnte ich mich an ihn gewöhnen ... 

 … Während ich durch die Finsternis hinter Rufath hertrabte, versuchte ich zum wiederholten Mal, den Sinn in dem zu erkennen, was mir hier wiederfuhr. Ich meine, so etwas liest man in Büchern - ich hatte selber schon eine Menge davon gelesen - aber so etwas passierte nicht wirklich. Es 

 

keine Drachen, keine parallelen Welten und keine Bücher in denen nur stand, was man darin lesen wollte. Unwillkürlich drückte ich dieses Buch fester an mich. Ich würde bald Muskelkater bekommen vom ständigen Buch-an-den-Körper drücken. Wann würde ich einmal Ruhe haben um ausführlich darin zu lesen, statt mich immer nur seiner Gegenwart zu versichern?

 

Manchmal fiel durch senkrechte Schächte über unserem Weg etwas diffuses Licht herein, doch es gab wenig mehr zu sehen als Rufaths Schwanzspitze, die sie von einer Seite zur anderen schlug, die manchmal den Felsen berührte. Als der Weg allmählich steil anstieg, wurde es schwieriger, Rufaths Tempo mit zu halten. Wo sie einen Schritt machte, brauchte ich zehn. Schließlich hörte ich ganz auf, ihr hinterher zu rennen. Am Geräusch der Schuppen, die am Felsen schabten hörte ich, dass sie noch vor mir war.

Langsam wurde es heller. Ein Ausgang kam in Sicht und kurz darauf trat ich ins Freie. Vor mir breitete sich ein weiteres Felsplateau aus, um einiges größer als das, auf dem wir gelandet waren. Der Regen hatte aufgehört und stellenweise durchbrach die Sonne die Nebelschwaden in der feuchtwarmen Luft. Ein kräftiger Wind trieb den Rest der dunklen Regenwolken vor sich her. Wir befanden uns weit oben, doch hinter uns ragten weitere Felsen hoch, von daher waren wir immer noch nicht an der Spitze des Berges.

Direkt vor mir, am Rand zum Abgrund stand Rufath, aufgerichtet auf die Hinterläufe und sicher über zehn Meter hoch. Sie hatte ihre mächtigen Schwingen entfaltet und die unteren, ausgefransten Ränder flatterten leicht im Wind. Plötzlich brach die Sonne durch und im Gegenlicht schillerte die Membran ihrer perlweißen Flügel in allen Regenbogenfarben.

In der Höhle unten hatte ich die weiße Drachin für imposant gehalten und mich aufgrund ihrer Größe ein bisschen vor ihr gefürchtet. Hier oben im Sonnenschein war sie zudem atemberaubend schön. Wie bei Herkon umgab auch sie ein feiner farbiger Nebel. Dieses Phänomen und das irisierende Schillern der Schuppen in der Sonne hinterließen in mir einen unauslöschlichen Eindruck. Sie musste in dieser Welt eine Königin sein.

Ich spürte eine zarte Berührung in meinem Geist und dann durchströmte mich eine wilde Euphorie. Mochte die ganze Situation noch so verrückt erscheinen - das hier gab ihr einen ganz eigenen Sinn, unabhängig von meiner Welt, meiner bisherigen Vorstellung von dem, was wirklich und real war. Ab hier wollte ich unwiderruflich und mit ganzem Herzen zu dem gehören, was hier passierte. Allein der Anblick von Rufath in diesem Moment war es wert, hier zu sein. Was ließ ich zurück? Meine Einsamkeit, meinen Frust, kaltes Novemberwetter ... Würde ich mein bisheriges Leben, ja sogar meine Musik aufgeben und vergessen wollen? Ja, ich wollte.

Es war nie mein Traum gewesen, ein Held zu sein, doch wenn dieser Wahnsinn mir die Rolle eines Helden zugedacht hatte, dann war ich jetzt bereit. Ich fühlte mich in diesem erhabenen Moment zu allem fähig. Ich hoffte plötzlich, dieser Traum möge nie zu Ende gehen.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne und Rufath ließ sich wieder auf ihre Vorderfüße fallen. Sie drehte langsam den Kopf, bis sie mich sehen konnte. Meine überschwänglichen Gefühle kamen ruckartig wieder in normale Bahnen. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Was hatte Rufath mit mir gemacht?

Steig auf! Wieder gab es die Worte nur in meinem Kopf. Anscheinend sollte ich diesmal auf Rufath fliegen.

Doch Herkon hatte etwas anderes beschlossen. Ich spürte seine sehnsüchtige Aufforderung, ohne dass er zu mir sprach. Ich sah ihn an und grinste. 

Wir fliegen nicht durchs Niefliem und ich schreie nicht, versicherte er mir treuherzig. 

 Rufath akzeptierte Herkons Wunsch. Sie stieß sich ab und war einen Moment später mit nur einem einzigen Schlag ihrer Flügel meterhoch über dem Boden. Die Spannweite ihrer Flügel verdeckte kurz die Sonne. Sie schien den Aufwind vor dem Berg zu nutzen, denn obwohl sich ihre Flügel kaum bewegten, schraubte sie sich schnell höher.

 

 

Herkon ließ etwas in meinen Geist träufeln, was ich bei einem Menschen als dezentes Räuspern interpretiert hätte. Ich riss mich widerwillig von Rufaths faszinierendem Anblick los und ging beherzt auf den jungen Drachen zu. Er bemühte sich um langsame Bewegungen und streckte in Zeitlupe seine linke Vorderhand aus, um mir eine Aufstiegshilfe zu geben. Ich war nicht etwa beruhigt, bedankte mich aber für seine Aufmerksamkeit und kletterte auf seinen Rücken.

Der kleinere Drache breitete die Schwingen aus und sprang wie seine Mutter einfach in die Luft. Ein starker Aufwind erfasste uns mit ungeheurer Kraft und trieb uns, schneller als es meinem Magen lieb war, weiter nach oben. Wir glitten an den steilen Felswänden entlang hinauf, dem Spiel der Wolken entgegen.

Herkon hatte mich zwischen zwei seiner mächtigen Rückendornen eingeklemmt und ich fühlte mich schon wesentlich sicherer als beim ersten Mal. Vermutlich konnte ich mich jetzt darauf verlassen, dass Herkon keine unangekündigten Kapriolen in der Luft vollführen würde. Ich saß geborgen und weich gehalten, fast so bequem wie in einem Ohrensessel. Meine Magennerven entspannten sich. Wir flogen nun gleichmäßig knapp unter den Wolken dahin, die ihre feine Feuchtigkeit auf mein Haar und die Kleider verteilten.

Eine bleierne Müdigkeit senkte sich über mich und ich spürte plötzlich Hunger. Nun forderte die unablässige Anspannung der letzten Stunden ihren Tribut. Gegen den Hunger ließ sich im Augenblick nichts tun, gegen die Müdigkeit schon. Ich ließ mich tiefer zwischen die Rückendornen sinken und schloss die Augen. Wie fast immer, wenn ich mich entspannte, strömte Musik in meinen Geist und meine Hände zuckten über eine unsichtbare Tastatur …

 

… Der Gang begann anzusteigen. Am Ende führte eine Wendeltreppe nach oben. Ich folgte Vitali hinauf. Die Treppe endete in einem kreisrunden, lichtdurchfluteten Saal, nicht sehr groß, vielleicht ein Foyer, denn es gab einige geschlossene Türen. Halbblinde Spiegel an den Wänden, ein umlaufender Fries aus gemalten Blättern und ein – restaurierungsbedürftiges - Deckenfresko ließen erahnen, wie festlich der Raum einmal gewesen sein musste. Nun wirkte er verwahrlost.

Durch die großen Rundbogenfenster schien eine strahlende Mittagssonne herein und warf ihr helles Licht in breiten Streifen auf den Parkettboden. Wir befanden uns also auf der anderen Seite des Berges. Hier trübte nicht der Dampf aus den heißen Quelle die Sicht. Draußen breitete sich eine weite Hügellandschaft aus. Ich ging zu einem der Fenster. Blühende Obstbäume soweit das Auge reichte und in der Ferne ein Berg, gekrönt von einer Burg. Mein Herz machte einen Sprung, weil ich plötzlich wusste: Ich war angekommen. Das war der Berg, der im Hintergrund des Projektionsbildes in Rufaths Höhle zu sehen gewesen war.

Doch in die Freude über den unverhofften Ausblick mischte sich ein plötzliches Erschrecken: Wo war eigentlich mein Buch? Ich hatte es am Strand liegen lassen! Ich hoffte, den Weg zurück alleine zu finden, als ich ohne ein Wort der Erklärung auf die Treppe zustürzte. Von Vitali hörte ich einen erstaunten Ausruf - hatte ich ihn aus der Fassung bringen können? Ich verschwand im Treppengewölbe. Mit meinem Davonrennen hatte ich vielleicht instinktiv das Richtige getan, denn als ich die letzten Stufen erreicht hatte, bot sich mir im Gang ein erstaunliches Bild. Wo vorher nur das Gas gezischt hatte, war nun unterdrücktes Murmeln zu hören. Im zuvor leeren Gang wimmelte es von Menschen.

Es waren Männer in Waffen. Sie trugen Kettenhemden, darüber mit einem Wappen geschmückte Tuniken, Helme, Schwerter und Hellebarden. Ich bremste ab und blieb keuchend auf der untersten Stufe stehen. Da waren sie, die Verfolger aus meinen Alpträumen!

Wann hatte ich das Schwert aus seiner Scheide gezogen? Ich hatte keine Zeit, mich darüber zu wundern. hielt das Schwert in der Hand und richtete seine Spitze auf diese Männer. Würde ich es über mich bringen, es zu benutzen?

Die Vordersten entdeckten mich sofort, verstummten und sahen unsicher zu mir auf. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Erscheinen bis nach hinten durchgesprochen hatte und alle zu mir her starrten. Bald war nur noch das leise Zischen der Gaslampen zu hören und mein keuchender Atem.

Anders als in meinen Alpträumen flüchtete ich nicht. Anders als in meinen Alpträumen hatte ich eine Waffe, mit der ich mich wehren konnte. Und anders als in der realen Welt des erklärten Pazifisten Alexander Breskow war ich bereit, mir den Weg durch diesen Gang freizukämpfen, sollte man mich angreifen.

Die Zeit schien sich zu dehnen, während ich den Männern gegenüberstand. Erst als ich vorsichtig einen Fuß auf die nächste Stufe unter mir setzte, hoben sie die Waffen. Da fing ich an, mit dem Schwert wild um mich zu hauen, traf dabei die Wand des engen Ganges, eine Lampe und manchmal auch auf den Stahl eines anderen Schwertes. Bei jedem Schlag brüllte ich, um dem Schlag mehr Wucht zu geben. Ich spürte keine Angst, nur unbändige Wut, die vielleicht aus der Verwirrung über all die unerklärlichen Ereignisse geboren war. Ich kann es nicht genau sagen, jedenfalls entwickelte ich in meinem Zorn erstaunliche Kräfte; wusste auch nach einer Weile das Schwert einigermaßen sicher zu gebrauchen.

Die Männer wichen langsam zurück. In der Enge des Ganges hatten sie keine Möglichkeit, mich zu mehreren anzugreifen. Vielleicht hielten sie sich auch zurück, weil sie die Anweisung hatten, mich nicht zu verletzen. Jedenfalls hatte ich mich trotz meiner fehlenden Kampferfahrung schon ein gutes Stück weit in den langen Gang hineingekämpft, als mir von hinten ein kräftiger Schlag auf den Schädel versetzt wurde und ich ohnmächtig zusammenbrach ...

 

Autorin Ursula Dittmer - Verantw. i. Sinne des §22 Abs 2 und des §5 Telemediengesetz: Ursula Dittmer  | fasanthiola@gmx.de