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Ursula Dittmer ...
Fasanthiola-Zyklus
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Prolog


Der alte Bibliothekar löschte das letzte Licht und wandte sich zum Gehen. Ein abschließender Blick über die Schulter ... Aufseufzend blieb er stehen.
„Die Schlusszeiten gelten auch für dich, Selstrim!“, rief er in den Raum hinein.
Der Lichtschein erlosch.
„Ich weiß, dass du da bist; also komm heraus. Ich bin müde und will nach Hause.“
Abwartend verharrte er in der Tür. Es war dunkel. Es war still.
Firtoman presste ungehalten die Lippen zusammen. Dann holte er eine Kerze aus der Schublade und ging hinaus auf den Flur, um sie an einer Fackel zu entzünden. Eilig schritt er mit dem Licht durch die Gänge der Frisolischen Bibliothek. Der Junge hatte sich hinter einer Mauer aus Büchern verschanzt.
„So geht das nicht, Selstrim“, raunzte der Bibliothekar. „Du weißt, dass ich dich nicht über Nacht hier lassen werde. Also pack deine Sachen und geh!“
„Das ist so ungerecht, Firtoman. Tagsüber muss ich arbeiten. Wann soll ich denn meine Studien ...“
„Du bist Magier und Schreiber, mein lieber Junge. Du hast eigene Lehrbücher. Ich sehe nicht, was es in dieser Bibliothek für dich zu lernen gibt.“
„Fasanthiolische Geschichte zum Beispiel.“
Firtoman unterdrückte ein Lächeln. Der Bursche kannte sein Spezialgebiet genau. Unter seiner Obhut lagerten hier in Frisoli die seltensten Folianten. Sogar aus Tergant kamen Historiker hierher, um ihr Wissen zu erweitern.
Doch er blieb ernst und deutete mit seinem dürren Zeigefinger auf das Buch, das aufgeschlagen vor Selstrim lag. „Fasanthiolische Geschichte, ja?“
Die Illustration zeigte einen Drachen und eine nackte Frau.
„Schluss jetzt, bevor ich mich über dich ärgere. Nein, lass die Bände liegen. Lièna kann sie morgen aufräumen.“
Murrend ergriff der junge Magier seine Öllampe und schlurfte hinter dem alten Mann her zum Ausgang.
„Ich werde Baron Miran fragen, ob du mir an einem Nachmittag in der Woche helfen darfst. Immerhin kannst du lesen und schreiben.“
Selstrim lächelte. „Danke, Meister, es wäre mir eine Ehre, Euch zur Hand gehen zu dürfen.“
Sie traten hinaus in die frische Nachtluft. Firtoman fischte den großen Schlüssel aus seinem Schlüsselbund und verschloss die Tür.
Selstrim wartete, bis der Alte um die Hausecke verschwunden war. Dann zog er das Buch unter seiner Robe hervor. Er war erleichtert, denn vorhin wäre es ihm fast herausgerutscht. Zum Glück hatte Firtoman es eilig, nach Hause zu kommen, sonst wäre ihm der staksende Gang des jungen Magiers sicher aufgefallen.
Selstrim hoffte, Baron Miran würde das Gesuch des Bibliothekars ablehnen. Er brauchte die Bibliothek nicht mehr aufzusuchen, denn er hatte endlich gefunden, wonach er wochenlang gesucht hatte. Das Ankerbuch war eines der geheimen Traumbücher. In seinen Augen war es das Bedeutendste von allen, weil man mit seiner Hilfe durch Zeiten und Welten reisen konnte.

Dem ersten Anschlag entging er nur knapp. Er war nicht zu Hause gewesen, als der Einbrecher seine Wohnung durchsucht und mit einem Messer sein Bettzeug aufgeschlitzt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits gelernt, mit dem Buch umzugehen. Er hatte es häufig benutzt, anfangs um die sieben Welten besser kennenzulernen, und später, um mit seiner Hilfe diese Lebenswelten zu bereisen. Nach dem Mordanschlag floh er in die Technikwelt, die Welt, die er sich als zweiten Lebensraum auserkoren hatte. Obwohl er seine Magie in dieser Welt nur eingeschränkt nutzen konnte, beeindruckten ihn der Fortschritt und der Egoismus ihrer Bewohner. Er blieb ein halbes Jahr dort - ein langer Zeitraum von etlichen Jahrzehnten Fasanthiolazeit. Er nutzte sie für ein Studium an der Würzburger Universität. Nicht, weil es ihn wirklich interessierte, sondern eher, weil es jungen Menschen viele Freiräume bot. Freizeit, in der er ungehindert reisen konnte.
Nach dieser Zeit zog es ihn nach Fasanthiola zurück. Er hatte viel vor mit dieser Welt. Das Traumbuch ließ er vorerst in der Technikwelt. Er veränderte es geringfügig und überließ es einem unbedarften Menschen, Alex Breskow, der mit ihm an der Universität Würzburg Biologie studierte.

Was danach passierte, begriff er erst Jahre später. Alex Breskow gelangte mithilfe des Buches nach Fasanthiola und wurde dort von Drachen und Menschen als Geweissagter gefeiert. Eine Rolle, die das Schicksal ziemlich sicher ihm selbst zugedacht hatte.
Dann waren die Drachen aufgetreten. Rufath! Die alte Drachenkuh hatte sich zum Verwalter des Gleichgewichts zwischen den Welten aufgeschwungen. Herkon hatte ihn einmal zu ihr gebracht. Doch Drachengesänge waren nicht seine Art, Magie zu weben. Hätte er damals geahnt, dass ausgerechnet dieses blasse Bürschchen Alex genau ins Bild der Drachen passte, dann hätte er sich bei Rufath etwas mehr angestrengt. Doch so hielt er sich lieber an seine anderen Verbündeten, die ihm mehr Erfolg versprachen.

Alicea war eine davon. Sich von ihr auf eine Art zu lösen, die es ihm ermöglichte, jederzeit auf ihre Fähigkeiten zurückzugreifen, war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Die Gebundenen Brüder waren ein anderer Fall. Sie merkten nicht, wenn man sie betrog. Vor allem in der Zeit, als sie sich von Alex abwandten und auf ihn stießen. Alex hatte sich als Fehlgriff erwiesen. Fasanthiola hatte den Fremdweltler deshalb ausgespuckt wie eine bittere Frucht.
Ab diesem Zeitpunkt lief alles wie von selbst. Durch seine häufigen Wechsel zwischen den Welten alterte er nicht. Es verlangte einige Übung, die Zeitsprünge einzuschätzen, aber als er das beherrschte, entwickelte sich sein Schicksal in Fasanthiola in rascher Folge: Der Tod des alten Fürsten, die Ermordung der möglichen Thronerben. Für all das hatten die Gebundenen gesorgt.
Gut, das mit der Verarmung der Prinzessin war Glück gewesen. Niemand konnte vorausahnen, dass Naturkatastrophen ihre Güter und somit ihr Einkommen vernichteten. Sie hatte nicht lange gebraucht, um seinen Heiratsantrag anzunehmen.  

Das Blatt begann sich zu wenden, als Alex nach vielen Fasanthiolajahren wiederkehrte. Nicht nur er hatte sich weiterentwickelt, sondern auch seine kleine Hure Tsambilia. Er hatte die Gebundenen gebeten, sie nach Palpa Adroni zu schaffen. Wie hatte er gelacht, als Alex ihren Körper zu ihrem Geist nach Palpa Adroni brachte. Das Lachen war ihm allerdings vergangen, als seine Hohe Gemahlin ebenfalls dorthin gegangen war. Das gestörte Gleichgewicht hatte verheerende Folgen für Fasanthiola und es war ihm nichts anderes übrig geblieben, als seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Welt zu richten. Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn ein Erdbeben die Höhlen im Mellen und damit die unterirdische Stadt Semal Rethis mitsamt der Katakomben zerstört hätte. Er bezog die Stadt, obwohl er sie hasste, nur um vor Ort zu sein, wenn seine Unterstützung gebraucht wurde.
Die Gebundenen hatten auf Palpa Adroni gute Arbeit geleistet. Es war ihnen gelungen, ein ganzes Gelege junger Drachen mitsamt deren Menschengeschwistern zu entführen. Allesamt Kinder, gut zu lenken. Bruder Emsan hatte Xander das Traumbuch stehlen können und die vor Ort gezüchteten Feuerdrachen hatten ihre erste Schlacht erfolgreich geschlagen. Sie hatten mit ihren Reitern die Enklave der Adronisi ausgehoben und dabei wertvolle Gefangene gemacht. Nur Alicea war dort aus dem Ruder gelaufen. Die verrückte Alte hatte ihre Beziehungen zu Alex aufgewärmt.
Was auch immer in Palpa Adroni mit Alex geschehen war: Das Eigenleben der Bücher hatte sich zu seinen Ungunsten gewendet. Deshalb gelang es den gebundenen Brüdern, nach und nach die vom Geweissagten zusammengetragenen Traumbücher an sich zu bringen. Der letzte Teil würde sich auch noch finden lassen. Somit standen die Chancen gut, beim nächsten Vollmond das Ritual einzuleiten, bei dem er mit Magrostis Geist verschmelzen würde.
Nun durfte nichts mehr schiefgehen. Hoffentlich war Alex, alias Xander auf Palpa Adroni gestorben. Und wenn nicht? Dann musste man eben nachhelfen.

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Autorin Ursula Dittmer - Verantw. i. Sinne des §22 Abs 2 und des §5 Telemediengesetz: Ursula Dittmer  | fasanthiola@gmx.de