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Ursula Dittmer ...
Fasanthiola-Zyklus
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Aus Fasanthiola 3: Prolog


Alicea lehnte sich auf den Rand des Brunnens und verlor sich im Anblick der unergründlichen Tiefe. Der Blick in den Brunnenschacht ließ sie die Unendlichkeit begreifen. Weit unten spiegelte sich der Himmel wider. In den Abgrund schauen und das Universum erkennen – Sie, Alicea, bildete den Kern, den Angelpunkt, der Äther und Untergrund verband. Der tiefe Schlund zog sie immer wieder magisch an. Oft überkam sie der Gedanke hineinzuspringen, und sich verschlingen zu lassen. In ihrer Fantasie gab es am Grund einen Pfad, der direkt in Numas Reich führte. Sie sehnte sich nach dem Tod. Ein gewöhnlicher Tod war ihr jedoch nicht beschieden. Dabei war sie des Lebens, so überdrüssig. Menschenmüde.
Sie durfte das Traumbuch nicht lange alleinlassen. Sie war daran gefesselt, gleichzeitig stieß es sie ab. Sie hatte das Gefühl, wenn sie sich zu weit davon entfernte, würde es sich auflösen – wie Rauch im Wind. Also blieb sie in seiner Nähe, obwohl sie es dort kaum aushalten konnte. In seinem Umfeld herrschte – nur für sie hörbar – unerträglicher Lärm. Schrille Musik drang zwischen den geschlossenen Buchdeckeln hervor. Fremd, dröhnend. Pfeifen und Hörner ertönten, begleitet vom schnellen Schlag der Trommeln. Das hohe Trillern unzähliger Drachenstimmen durchdrang diese schrecklichen Klänge. Das war das eigentlich Beängstigende: Die Drachen waren nicht mit ihr einverstanden.
Das Getöse brachte sie an den Rand des Wahnsinns. Es gab nur wenige Möglichkeiten, damit fertig zu werden. Eine davon war, ebenfalls zu lärmen. Anfangs hatte sie geschrien. Später hatte sie ihre eigene Magie entwickelt. Sie sammelte Geräusche aus der Natur und verstärkte sie zu bedrohlichen Szenarien. Ihre magisch dargestellten Wirbelstürme, Feuersbrünste oder Steinlawinen erzeugten unweigerlich Panik bei den Menschen.
Womöglich war alles ein folgenschweres Missverständnis gewesen. Anders als Fürst Magrostis hatte sie die Verschmelzung der sieben Traumbücher überlebt. Sie hatte das als gutes Omen gewertet. Sie würde ewig leben, die Welten vereinen und Fasanthiolas Gleichgewicht bewahren. Hatte sie versagt? Oder lag es gar nicht an ihrem mangelnden Geschick, sondern daran, dass Magrostis zum Herrscher geboren und ausgebildet worden war? Er hatte stets klare Ziele vor Augen gehabt und sein Ideenreichtum hatte ihm geholfen, sie zu erreichen.
Sie war aus einem anderen Holz geschnitzt. Anfangs hatte sie sich mit Leidenschaft den neuen Aufgaben gestellt. Immerhin hatte sie für Fürst Magrostis alle erreichbaren Welten erforscht. Sie kannte sich aus, wusste einzuschätzen, welchen Wert diese Gebiete für Fasanthiola haben würden.
Palpa Adroni hatte es ihr besonders angetan. Das unwirtliche Drachenland bestand nur aus Wüste, Felsen und schwefelhaltigem Wasser – mochte man meinen. Doch dort war Magie allgegenwärtig. Das Land war pure Zauberkraft. Sie hatte diesen Lebensraum als unerschöpfliches Reservoir betrachtet. Wer Palpa Adroni beherrschte, der brauchte keine Wächter mehr, um Fasanthiolas Gleichgewicht zu erhalten. Immer wenn in Fasanthiola zu viel magische Kraft verbraucht worden war, konnte man sie aus den Quellen der Drachenwelt auffüllen.
Und die Erfinderwelt erst! Unglaubliches hatten die Erdbewohner entdeckt. Hier war es wichtig, den Überblick über Zu- und Abgänge zu behalten. Fasanthiola musste seine Eigenständigkeit bewahren, sonst war es als Kernland nichts mehr wert. Wenn die machthungrigen Herrscher dieser Erfinderwelt Fasanthiola aufspürten, würden sie es überrennen. Man jonglierte dort mit tödlichen Waffen, die mit einem einzigen Streich ganze Welten vernichten konnten. Sie sollte noch heute die Grenze zur Technikwelt schließen. Fasanthiola war zu leicht verwundbar.
Sie hätte Magrostis an ihrer Seite gebraucht. Ihr alleine fehlte die Fähigkeit der Auswertung und der Voraussicht. Nur gemeinsam hätten sie ihre Kräfte nutzvoll einsetzen können.
Sie verließ den Brunnen und kletterte über den schmalen Pfad zwischen den alten Olivenbäumen ins Tal hinunter. Es war Zeit, nach dem Traumbuch zu sehen.

Als Sofsana an der Spitze der Gebundenen Hüter die Halle betrat, hatte das Pflichtbewusstsein sein schlechtes Gewissen unterdrückt. Sie mussten handeln, denn Alicea war wahnsinnig geworden. Seit einiger Zeit ließ sie sich ‚Dritte Göttin‘ nennen. Sie war der Ansicht, alle Kriterien für eine Gottheit zu erfüllen: ewiges Leben und die Herrschaft über das Universum, was sie letztendlich sogar über Numa und Retha erheben würde.
Aliceas peinliche Selbstüberschätzung war hinnehmbar, nicht aber das, was daraus entstand. Sie besaß die Fähigkeit, Naturkatastrophen vorzutäuschen. Eine seltsame magische Gabe. Kein ihm bekannter Magier verfügte darüber. Dieses Können hatte sich bei der Entscheidungsschlacht im Roten Gebirge als außerordentlich nützlich erwiesen. Alicea hatte das Heer der Wüstenreiter allein durch die Illusion eines Infernos aus Sturm und Feuer in die Flucht geschlagen.
Inzwischen begnügte sie sich nicht mehr damit, diese Katastrophen nur vorzutäuschen, es gefiel ihr, sie tatsächlich auszulösen. Bei einer dieser Übungen hatte sie kürzlich den Heiligen Hain der Retha in Tergant in Schutt und Asche gelegt. Das Gleichgewicht war aus den Fugen geraten, als die Wahnsinnige den Wächtern die Macht der Grenzkontrollen nahm. Sie hatte den Plan entwickelt, mehrere Welten zu vereinigen und übernahm die Überprüfung der Schnittstellen selbst. Daraufhin gelangten seltsame Menschen nach Fasanthiola. Unbekannte Krankheiten brachen aus, ein ganzes Heer feindlicher Drachen überflog die Lande und hinterließ eine Spur der Verwüstung. Fasanthiolas Grenzen schrumpften in rasender Geschwindigkeit. Die Balance musste erneuert werden, sonst würde Fasanthiola bald nicht mehr existieren.
Kaum jemand wusste, worauf das unnatürlich lange Leben und die grenzenlose Macht der ehemaligen Rethina im Heiligen Hain von Tergant zurückzuführen waren. Es lebten nicht mehr viele der Gebundenen Hüter von damals. Nur sie hätten bezeugen können, wie Fasanthiolas Lebenselixier, die sieben Traumbücher, miteinander verschmolzen waren und ihre Magie sich in Alicea vereinigt hatte.
Sofsana hatte sich maßgeblich an diesem Prozess beteiligt gehabt. Wie oft schon hatte er das bereut. Er hatte sich von Alicea überzeugen lassen, war mit ihr der Meinung gewesen, der richtige Zeitpunkt für die Verschmelzung sei gekommen. Er selbst hatte das fehlende siebte Buch aufgetrieben und damit dem Unglück den Boden bereitet.
Doch der Verschmelzungsprozess war auf Magrostis, den damals herrschenden Fürsten, abgestimmt gewesen. Er hätte das Geschenk des ewigen Lebens erhalten, und als Gegenleistung Fasanthiolas Fortbestand sichern sollen. Niemand hatte mit der Möglichkeit gerechnet, der Fürst könnte das Ritual nicht überleben. Aber der Regent war sehr krank gewesen. Die Seuche und die beschwerliche Reise in die Geheime Stadt hatten ihn ausgezehrt ...
Alicea hatte Magrostis’ Tod als Schicksalsäußerung hingenommen und sich selbst an die Stelle des Herrschers gesetzt.
Das Volk bestaunte Aliceas Machtdemonstrationen mit großer Ehrfurcht. Man verehrte die Rethina wie eine Göttin. Sie wurde mit Zuneigung und Geschenken überhäuft, wo auch immer sie sich zeigte.
Sie war viel unterwegs. Sie durchschritt zu Fuß Tergants Elendsviertel und besuchte auf ihrem weißen Hengst Städte, Dörfer und Weiler. Die Menschen lagen ihr zu Füßen. Die Barrassen(*FN* Barrasso – von Baronen eingesetzter Herr kleiner Güter*FN*) zahlten freiwillig höhere Abgaben, nachdem sie – meist unangemeldet und ohne Gefolge – bei ihnen zu Besuch gewesen war. Es würde nicht leicht werden. Wie wollte man ihren Anhängern erklären, wohin Alicea verschwunden war, wenn es dem Magierkreis gelang, sie zu bannen? Vielleicht würde er einen Zauber wirken, der die Spuren dieser Frau bis in alle Ewigkeit auslöschte.
Sofsana konnte auf niemanden Rücksicht nehmen. Es war seine Pflicht Fasanthiolas Existenz zu retten, koste es, was es wolle. Er hatte Jahre darauf verwandt, die Gebundenen Hüter der Traumbücher ausfindig zu machen. Wo keine Nachfolger der Verstorbenen ausgebildet worden waren, bemühte er sich um Ersatz. Am Ende waren sie alle in die Geheime Stadt aufgebrochen.

Die Magier formierten sich. Sie bildeten einen Kraftkreis, der aufgrund seiner Zusammensetzung enorme Stärke mobilisieren würde. Als sie das Ritual zu Ende gebracht hatten, stand Alicea in der Kreismitte, das aus sieben Teilen bestehende Traumbuch in den Armen. Sie hielt es fest umklammert. Ihr verzweifelter Blick zeigte, dass sie erfasst hatte, worum es hier ging.
Sofsana legte einen Bann über sie, bevor sie fähig war, zu reagieren. Ihr das Traumbuch abzunehmen erwies sich als unerwartet schwierig. Sie und das Buch schienen miteinander verbunden zu sein. Erst nach Erneuerung des Bannes und dem Sprechen eines Lösungszaubers gelang es ihm, ihr das Buch zu entreißen.
“Brüder! Ich klage diese Frau an, sich unrechtmäßig das Traumbuch Fasanthiolas angeeignet zu haben“, sprach er mit lauter Stimme. “Uns allen sind die Gründe bekannt, weswegen wir die Herrscherin als nicht würdig erachten, die Geschicke unserer Zwischenwelt weiter zu lenken. Durch ihr selbstherrliches und uneinsichtiges Handeln hat sie gewaltigen Schaden angerichtet. Ob absichtlich oder der Not gehorchend, steht nicht mehr zur Debatte. Es ist unsere Pflicht als Gebundene Hüter, Fasanthiola vor dem endgültigen Zerfall zu bewahren. Wir werden das Buch wieder in seine sieben Bestandteile zerlegen. Bis die Zeit gekommen ist, erneut ein vereintes Traumbuch zur Rettung und zum dauerhaften Erhalt Fasanthiolas zu nutzen, sollen seine Elemente einzeln und sicher aufbewahrt werden.“
Kaum war das Traumbuch in seine Segmente getrennt, brach Alicea zusammen. Bis dahin hatte sie weder gesprochen, noch sich bewegt. Nun alterte sie in rasender Geschwindigkeit, wand sich am Boden und schrie vor Qual. Allmählich wurde ihr Körper durchsichtig. Für einen kurzen Moment schien es, als würde die Frau ebenfalls in sieben Teile zerfallen. Dann verging sie.
Die Trennung war vollzogen. Der Kraftkreis löste sich auf. Jeder der Hüter nahm eines der Traumbücher auf und entfernte sich mit unbekanntem Ziel.

Autorin Ursula Dittmer - Verantw. i. Sinne des §22 Abs 2 und des §5 Telemediengesetz: Ursula Dittmer  | fasanthiola@gmx.de