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 Aus "Die Cyriakusglocke- Fasanthiola 5" S. 70 ff
Xanders Gefangennahme

Der Mann in Rüstung war der Erste, der um die Ecke bog. Er zog das Schwert, kaum dass er meiner ansichtig wurde. Die anderen tauchten hinter ihm auf, blieben aber in vorsichtiger Entfernung stehen. Ich sah einige das Schutzzeichen über der Brust formen. Dieses Zeichen wurde meistens zum Schutz vor dem bösen Blick oder fremder Magie angewandt. Hielten sie mich für einen Magier?
Ich erhob mich langsam und bemühte mich, nicht bedrohlich zu wirken. Ich legte mein Gesicht in freundliche Falten, doch ich zog sicherheitshalber auch das Schwert. Ich trug es wegen meiner Armverletzung in der Linken, wo es mir im Ernstfall nicht viel nützen würde. Aber ich glaubte sowieso nicht, dass es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kommen würde.
„Rikseni An, Muimos(*FN* Rikseni An, Muimos – Willkommen, Fremder*FN*)“, begrüßte ich den Ritter.  „Mein Name ist Xander von St. Marien.
Ich werde auch als der Ok ´na Thun bezeichnet. Und wer seid Ihr?“
Mein Gegenüber reagierte nicht. Durch das geöffnete Visier seines Helmes konnte ich nur seine Augen sehen. Sie waren dunkel und ihr Ausdruck nicht zu deuten, doch sie vermieden den direkten Blickkontakt mit mir. Er starrte vielmehr auf einen Punkt auf meiner Stirn. Er trat einen Schritt näher und hob tatsächlich das Schwert, bis es auf meine Körpermitte zeigte. Dort steckte das Buch. Der Elfenbeindeckel würde einen Stoß abhalten können, sollte es darauf ankommen. Numa würde mich schützen.
Ein weiterer Schritt, dann blieb der Mann breitbeinig vor mir stehen. Plötzlich verfluchte ich mich für meine Schwerfälligkeit. Warum hatte ich mich nicht wenigstens in den Tempel zurückgezogen, als noch Zeit dafür gewesen war? Ich hob das Schwert ein bisschen höher.
„Ihr seid nicht der Ok ´na Thun!“ Die Stimme klang hohl in der Rüstung, doch der harte Unterton war nicht zu überhören. „Alle Welt weiß, dass der Geweissagte auf schreckliche Weise umgekommen ist, als er in Palpa Adroni gegen die Drachen gekämpft hat.“
So war das also. Man hatte mir sogar einen Heldentod angedichtet.
Ich nickte beifällig. „Ihr seid anscheinend gut informiert, Edler. Verratet Ihr mir dennoch Euren Namen?“
Das Schwert zuckte kurz und sein Blick wurde zornig. Trotzdem bekam ich eine Antwort. „Ich bin Ritter Vergolan.“
Der Name ließ etwas in mir anklingen, doch ich konnte ihn im Augenblick nicht einordnen.
„Rikseni An, Vergolan“, sagte ich freundlich und verneigte mich, so wie Tjammit es mir beigebracht hatte. Nicht zu tief, da er nur ein Ritter war. „Ich ...“
Das Schwert wurde mir aus der Hand geprellt. Vergolan sprang vor und stellte seinen Fuß darauf, bevor ich reagieren konnte. Mit einer schnellen Fußbewegung schob er meine Waffe mit dem Fuß nach hinten. Es schlitterte scheppernd über den Felsen, bis der Junge es ebenfalls mit dem Fuß stoppte und sichtlich erleichtert aufnahm. Nur sein keuchender Atem, im Helm gut zu hören, verriet, dass auch der Ritter aufgeregt war.
Ich ärgerte mich über meine falsche Taktik. Es war Krieg. Da galten keine Höflichkeitsregeln mehr, denen normalerweise jeder Fasanthiole verpflichtet war. Und meine Selbstsicherheit entbehrte jeglicher Grundlage. Das hier würde ungemütlich werden.
„Vorwärts jetzt!“, kommandierte Ritter Vergolan. Die Spitze seines Schwertes berührte meine Brust.
„Was soll das?“, versuchte ich mich zu wehren, doch der Druck seiner Klinge war unmissverständlich. Ich hob die Arme als Zeichen meiner Unterwerfung und er dirigierte mich von der Mauer weg auf die neugierig starrenden Nirkasten numana zu.
Der Junge war kein Kind, sondern ein Kleinwüchsiger. Ich ging einige Schritte auf die Männer zu, die zurückwichen und sich anscheinend nicht sicher waren, ob sie vorangehen oder mich vorbeilassen sollten.
Plötzlich kam mir eine Idee und ich drehte mich wieder zu dem Ritter um.
„Vergolan? Ihr seid der Vetter und Gefolgsmann von Ritter Tjammit von Raishta, nicht wahr? Erinnert Ihr Euch nicht daran, wie Ihr meinen Diener Rastim und mich vom Heiligtum der Retha abgeholt habt?“
Doch dieser reagierte gelassen. „Geht. Wir wurden gewarnt, dass Ihr versuchten könntet, uns zu täuschen.“
„Ihr wurdet ...? Aber ...“
„Ich sagte, Ihr sollt gehen!“, brüllte der Mann mich an. „Ihr tut das jetzt oder Ihr werdet nicht lebend bis Semal Numis kommen!“
Also fügte ich mich und trottete auf die Nirkasten numana zu. Sie beäugten mich misstrauisch, richteten alles auf mich, was sie an Waffen dabei hatten: Prügel, Ackergeräte, Gerten und Peitschen. Einer schwenkte nur die Faust.
Ich schaute ihnen nacheinander in die Augen und meinte dann: „Ich bin ebenfalls Nirkastu. Erkennt mich denn keiner von Euch? Wie könnt ihr glauben, ich sei ein Betrüger?“
Drohendes Gebrüll war die Antwort. Ich schwieg lieber, bevor sich ihr Zorn in körperliche Gewalt ausweiten würde. Allmählich bekam ich wirklich Angst. Sie waren nicht nur davon überzeugt, dass ich unter falscher Flagge reiste, sie fürchteten mich auch, was eine gefährliche Mischung war. Wie konnte ich ihnen meine Identität beweisen, wenn niemand dabei war, der mich kannte? Sem. Sem war der Einzige, der mich hätte identifizieren können.
Sie trieben mich die Stufen hoch, über den Platz des Universums und hinten eine weitere sehr steile Treppe hinauf. Sie sprachen nicht zu mir, sie fassten mich nicht direkt an. Aber sie schlugen mich mit ihren behelfsmäßigen Waffen auf den Rücken, wenn ich stehen blieb, um kurz zu verschnaufen.
Meine Muskeln waren nicht mehr ans Treppensteigen gewöhnt. Meine Beine zitterten, ich schwankte und musste mich rechts und links an den Felsen abstützen, um nicht zu stolpern. Ich ging öfter in die Knie. Doch jedes Mal stach mir jemand mit einem spitzen Gegenstand in den Nacken und ich taumelte weiter. Die Luftfeuchtigkeit war extrem hoch, die Luft war dünn, ich schwitzte und hatte Mühe zu atmen.
Längst war die Sonne untergegangen und die Dämmerung zog herauf. Zu allem Überfluss begann es, leise zu nieseln und die unregelmäßigen, zum Teil mit Moosen bedeckten Stufen wurden rutschig. Die glatten Ledersohlen meiner Stiefel waren ungeeignet für dieses Gelände. Ich glitt ein paar Mal aus und verletzte mich an den scharfkantigen Felsen. Die empfindliche Haut über der Narbe war an mehreren Stellen eingerissen. Dünne Rinnsale von Blut liefen mir den Arm entlang. Doch das war meine geringste Sorge. Es war Krieg. Wem würde man mich zum Fraß vorwerfen?
HERKON! Mein mentaler Aufschrei blieb unbeantwortet. Ich rechnete auch nicht wirklich mit einer Antwort. Meine Gaben waren unberechenbar geworden und ich glaubte nicht mehr, dass Numa mich unter ihren persönlichen Schutz gestellt hatte. Sie war eher vom Typ ‚Katze, die mit der Maus spielt‘, als ein mütterlicher Schutzgeist.

Autorin Ursula Dittmer - Verantw. i. Sinne des §22 Abs 2 und des §5 Telemediengesetz: Ursula Dittmer  | fasanthiola@gmx.de