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Ursula Dittmer ...
Fasanthiola-Zyklus
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Die Gegenüberstellung

Die meisten Adronisi gingen mit uns zu den Drachen. Aufregung und eine gewisse Freude war nun spürbar. Die Bewohner sahen dem Ereignis der Gegenüberstellung mit Spannung entgegen. Wir waren in ihr Fest geplatzt, hatten den Flug zu den Bruthöhlen verzögert ... war es das, was sie uns verübelten?
Herkon und Rukiah hatten Gesellschaft von zwei anderen Drachen bekommen. Neben Ismuth lag ein großer, brauner Drache, der eine auffällige rote Zeichnung über den Augenwülsten hatte, was ihm einen Furcht einflößenden Gesichtsausdruck verlieh. Eine junge Frau ging auf ihn zu und richtete seine verdrehten Schenkelriemen.
Das ist Fath. Aus meinem Gelege, informierte mich Herkon knapp. Seine Menschenschwester heißt Malín.
Tsambi ging zu Herkon und legte ihre Hände um einen der grauen Flecken an seinem Hals.
„Jetzt nicht, Meslisti“, warnte Elsbiétha. „Du bist nicht ausgeruht. Es würde dich zu viel Kraft kosten, wenn du versuchst, ihn zu heilen.“
„Ich will ja nur sehen, was mit ihm ist!“, beschwerte sich Tsambi.
„Nein, sei vernünftig. Du weißt nicht, wer ihm das angetan hat. Du hast fantastische Fähigkeiten, aber du bist nicht ausgebildet. Ich möchte nicht, dass du dich und vielleicht auch uns in Gefahr bringst.“
Tsambi schnaubte ungehalten.
„Tsambilia, ich verbiete dir, irgendetwas zu unternehmen, bevor du nicht ausgeruht bist und wir dich von außen überwachen können!“
Obwohl die Fürstin nicht laut gesprochen hatte, war ihre Stimme von starker Autorität. Verblüfft beobachtete ich, wie Tsambi mit verkniffener Miene, jedoch ohne Widerspruch auf Herkons Rücken kletterte und sich selbst die Schenkelgurte anlegte.
Ich war ungehalten. Es hätte mich beruhigt, ihre Meinung über Herkons Zustand zu hören. Was befürchtete die Fürstin? Sie hatte Recht, Tsambi war nicht ausgebildet, aber sie war stark und diese Art des Heilens war ihr vertraut. Selbst wenn Herkons Verletzungen magischer Natur waren, würde sie damit zurechtkommen.
Ich sah Elsbiétha hinterher. Ihr Einfluss auf mein Mädchen gefiel mir ganz und gar nicht.
Rukiah schwang sich mit einigen kräftigen Flügelschlägen in die Luft.
Die anderen Drachen verschwanden im Niefliem. Bevor ich es verhindern konnte, war ihnen Herkon gefolgt. Ohne Vorwarnung tauchte er ein in die eisige Kälte der Zwischenwelt und ich erlebte wieder einmal Minuten panischer Angst. Dann waren wir durch. Ich schimpfte mit Herkon, erhielt aber keine Antwort.
Wir durchflogen einen engen Cañon mit hohen, zerklüfteten Felswänden. Das Rauschen der Drachenschwingen brach sich an den Felsen und tönte hohl zurück. Herkon und Fath zogen nach oben und drehten eine Schleife. Anscheinend waren wir schon am Ziel, doch es war zu eng für alle Drachen. Sie stürzten sich einer nach dem anderen mit angelegten Flügeln in das enge Tal und verschwanden kurz darauf in einer der Höhlen.
Wir mussten eine Weile warten, als Rukiah, Ismuth und Fath noch einmal herauskamen, um weitere Adronisi zu holen. Dann ließ auch Herkon sich fallen. Tsambi schrie auf und ich kämpfte mit der Eierspeise, die mir der Magen nach oben in die Mundhöhle trieb. Herkon schlüpfte in eine geräumige Höhle, die streng nach Drachen roch.
Arisetha bedeutete uns mit heftigen Gesten, schnell abzusteigen.
Sie deutete in einen Tunnel hinter sich. „Hier entlang bitte. Wir müssen uns beeilen. Gmonth ist sehr ärgerlich, weil meine Mutter nicht bei ihr war.“
War das ein Vorwurf an uns?
Wir rannten durch einen kurzen Gang und erreichten eine riesige verräucherte Höhle. Es war unerträglich heiß. In der Höhlenmitte wurde eine Sandkuhle von etlichen glühenden Feuerstellen erhitzt. Sieben Eier lagen dort. Gmonth, deren langer Schwanz um das Nest geringelt war, funkelte uns von der hinteren Höhlenwand aus böse an, bevor sich ihre Lider wieder über die Augen senkten.
Sag ihr, wir können nichts dafür, bat ich Herkon. Wir konnten nicht wissen, in was wir hier hineinplatzen.
Sie meint, du hast es gewusst.
Ich ...? Sie hatte recht. Ich hatte mein Traumbuch nach ihr befragt und war darüber informiert worden, dass sie derzeit brütete, und dass sie mit Ismuth zum Paarflug aufgestiegen war. Bei dieser Gelegenheit hatte ich erfahren, auch Rukiah würde brüten, was jedoch augenscheinlich nicht der Wahrheit entsprach.
Rukiahs Gelege ist vorgestern geschlüpft und in einigen anderen Höhlen brüten ebenfalls Weibchen.
Bitte sag ihr, dass es mir leidtut. Sag ihr, ich wüsste, wie hinderlich es sein kann, wenn Menschendinge und Drachendinge aufeinandertreffen. Doch nun freue ich mich darauf, beim ‚Erkennen‘ dabei zu sein. Wenn sie und Ismuth sich zusammengetan haben, werden die Jungen sicher die alten Fähigkeiten haben.
Ob ein Kompliment dieser Art einer Drachenmutter etwas bedeutete?
Gmonth öffnete die Augen und ich spürte erleichtert, wie sie mir verzieh. In dieser Welt konnte man jeden Freund gebrauchen.
Nun beschäftigte mich der Gedanke, wieso Gmonth von den Einträgen im Traumbuch wusste. Warum hatte ich ständig das Gefühl, alle Dinge würden komplizierter statt einfacher? Ob die Drachen von Palpa Adroni etwas über unsere Scheintoten auf dem Taubabori sagen konnten? Ich fragte Herkon danach.
Sie waren hier.
Sie waren ...? Wie und wo?
Du wirst es erfahren.

Ende der Debatte. Ich seufzte auf. Also hatten die Drachen doch mit all dem Schlamassel zu tun. Akim, Meister Freklin, Tsambi ... Das Gleichgewicht. Der Astralkörper dreier Menschen war hier, ihre Körper in einer anderen Welt. Welche Auswirkungen mochte es auf die Balance haben, dass Tsambis Körper sich nun in Palpa Adroni mit ihrem Geist vereinigt hatte? Vielleicht sollten wir dort draußen in der Wüste elendiglich verrecken, damit das Gleichgewicht wieder hergestellt war? Doch dann hatten die Drachen sich eingemischt und uns das Leben gerettet. Warum?

Eine Hand schob mich ein Stück weiter in die Höhle hinein. Fackeln und ein paar Pfannen mit brennendem Öl beleuchteten eine unheimliche Szenerie. An den Höhlenwänden entlang hatten sich sieben Drachen aufgereiht. Vor ihnen, rechts vom Eingang, standen eine Anzahl Männer, Frauen und Kinder in der einfachen Kleidung der fasanthiolischen Helibauern. Viele hatten diese weiße Substanz als Sonnenschutz aufgetragen. Sie waren unruhig, traten von einem Fuß auf den anderen und flüsterten miteinander, als wir in ihr Blickfeld kamen. Ein Kind versteckte sich sogar hinter den Röcken seiner Mutter.
Auf der gegenüberliegenden Seite hatten sich die Mitglieder des Hohen Rats der Menschen von Palpa Adroni aufgestellt.  Ihre Echsenumhänge schillerten bei jeder Bewegung.
Dort stand auch Tjem und sein freundliches Lächeln war ein Lichtblick. Links von ihnen, direkt am Sandnest, warteten die Kandidaten. Es waren zwölf Jugendliche, einheitlich in lange weiße Gewänder gehüllt. Sie hatten die Augen geschlossen und einander an den Händen gefasst.
Ein älterer Mann, dessen krumme Nase wohl einmal gebrochen gewesen war, wies uns einen Platz zu. Er führte uns nach rechts, fast um die ganze Höhle herum, bis wir neben den Ratsmitgliedern und hinter den Kandidaten zu stehen kamen. Es war mir unangenehm, an all den Helis ( Heli – Fasanthiolas größter Volksstamm) vorbeigehen zu müssen. Tatsächlich folgten uns viele feindselige Blicke. Oder waren sie gar nicht feindlich gesinnt? Ihr hartnäckiges Starren verunsicherte mich. Ich senkte den Kopf, bis wir unsere Plätze erreicht hatten.
Direkt vor mir stand ein Mädchen mit schmutzigen nackten Füßen. Sie schwitzte so stark, dass der Sand um ihre Füße herum feucht war und am Rücken klebte ihr das Gewand am Körper. Zwischen ihr und dem nächsten Kandidaten sah ich ein Ei im Nest liegen. Es war ein großes Ei. Seine Schale wies bereits mehrere Risse auf; einer davon so breit, dass Eiweiß austrat.
Das Schnauben der Drachen und das Schaben ihrer Schuppen, das Gemurmel der Menschen und das Knacken der Feuer ... Fast übertönte diese Geräuschkulisse einen leisen monotonen Singsang, der vom weichen Klang einer großen Rahmentrommel begleitet wurde. Tiefe, angenehme Männerstimmen sangen archaische Melodien, die das Geschehen zusätzlich dramatisierten.
Wo kam der Gesang her? Ich schielte nach rechts. Dort, direkt neben dem Höhleneingang, befand sich eine seltsame Menschengruppe. Sie waren im Halbdunkel kaum zu erkennen, denn sie trugen schwarze Kapuzenmäntel und hatten die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Ich zählte sechs oder sieben Gestalten. Einer von ihnen schlug einen bedächtigen Rhythmus auf einer mit bemaltem Leder bezogenen Rahmentrommel.
Der am äußeren Rand stehende Mann hob langsam die Hand zum Kopf, fasste den Wulst seiner Haube und streifte sie etwas zurück. Seine Augen blitzten im Feuerschein auf, als er mich direkt ansah. Es war Vitali! Als unsere Blicke sich kreuzten, bedeckte er sein Gesicht sofort wieder.
Es traf mich unvorbereitet. Es war ein Schock!
Die Szene entsprach meiner Vision im Taubabori: ein brütendes Drachenweibchen und eine Gruppe vermummter Gestalten. Ein Mann mit ähnlichen Tätowierungen wie Vitali sieht mich an und spricht: ‚Wir haben auf dich gewartet. Sei bereit, triff uns am Cyriakustag.‘
Sieben Männer, sieben Drachen, sieben Eier! Was hatten diese Männer und die Drachen miteinander zu tun? Meine Gedanken überschlugen sich. Cyriakustag. Was war das für ein Tag? Betraf er das Geschehen heute? War das gut oder schlecht? Was erwartete uns hier? Waren wir in eine Falle getappt?  ...

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Autorin Ursula Dittmer - Verantw. i. Sinne des §22 Abs 2 und des §5 Telemediengesetz: Ursula Dittmer  | fasanthiola@gmx.de