Willkommen
Ursula Dittmer ...
Fasanthiola-Zyklus
LESEPROBEN
Fasanthiola 1
Fasanthiola 5
Buchshop Fasanthiola
Kontakt
Datenschutzerklärung
Impressum

aus Fasanthiola 3: Begegnung in Salkoti

 

... Im Schankraum der kleinen Taverne saßen nur ein paar alte Männer. Ihr lautstarkes Debattieren war bis auf die Straße zu hören gewesen. Als ich eintrat, verstummten abrupt die Gespräche. Alle starrten mich neugierig an.

Der Raum war dunkel und kühl. Es roch schwach nach Alkohol und irgendetwas Gebackenem. Den Mann hinter dem Tresen kannte ich nicht. Der alte Tispio, der früher die Schänke betrieben hatte, war sicher längst gestorben. Ich drehte mich langsam um und studierte im Halbdunkel die Gesichter der Gäste, erkannte jedoch niemanden. Ich war damals selten in der Taverne gewesen und sah die Bauern von Salkoti nur, wenn sie die Ölsaat und Oliven in die Mühle zum Pressen brachten.

Das hartnäckige Summen unzähliger Fliegen war das einzige Geräusch. Nur für mich hörbar war das heftige Hämmern meines Herzens. Erwartungsvolle Stille hing zäh wie Honig im Raum. Die Zeit hielt den Atem an. Selbst der Wirt war in der Bewegung erstarrt und sah mich fragend an. Meine zu Fäusten geballten Hände begannen zu schwitzen, weil ich nicht wusste, wie ich weiter vorgehen sollte. Ich konnte meine Fragen doch nicht lautstark in die Runde werfen.

Der Mühlenbrand war Jahre her, aber die Klientel war für mein Anliegen mehr als geeignet.

Es war sicher so wie in den Dorfschänken meiner Welt. Alle Ereignisse wurden nicht nur einmal, sondern immer wieder mit der Liebe zur Wiederholung und der Langsamkeit alter Männer erörtert. Warum sollte es in Fasanthiola anders sein als im Dorfgasthof in der Rhön, in den ich meinen Großvater als Kind begleitet hatte?

Ich war mir sicher: Hier wussten garantiert alle über die Mühle Bescheid.

Also los, tu was, sag was!, versuchte ich mich selbst anzuspornen. Ich stand immer noch wie angewurzelt ein paar Schritte vom Eingang entfernt und schluckte schwer. Aus der Küche tönte leises Geschirrklappern und eine Stimme erhob sich fragend. Dann öffnete sich knarrend eine zerkratzte Holztür hinter dem Tresen und eine alte Frau humpelte herein. Sie war hochgewachsen, dürr und zog das linke Bein nach. Sie brachte eine Tonschale mit Tresengebäck, eine salzige, hart gebackene Spezialität der Gegend, die gratis zu einem Humpen Bier gereicht wurde. Die meisten Leute bevorzugten Wein, weil er billiger war. Dieses leckere Backwerk sollte die Gäste zum Biertrinken animieren.

Die Frau kam mir vage bekannt vor. Ich wagte einen Versuch:

„Hetta?“

Sie fuhr erschrocken herum und kniff kurzsichtig die Augen zusammen, um erkennen zu können, wer sie ansprach. Dann stellte sie behutsam die Schale auf den Tresen, schlüpfte unter der Seitenklappe hindurch und kam auf mich zu.

„Xander?“, flüsterte sie, als sie ihr Gesicht dem meinen bis auf wenige Zentimeter genähert hatte.

Ich nickte und würgte an einem Kloß im Hals. Völlig unerwartet schoss ihre Faust vor und knuffte mich schmerzhaft in den Oberarm.

„Schön, dass du da bist!“, nuschelte es undeutlich, aber laut aus ihrem fast zahnlosen Mund. Ihr Gesicht zeigte dabei keine Freude. „Komm, setz dich hin und iss eine Kleinigkeit!“

Sie gab dem Wirt ein Zeichen und führte mich an einen abgelegenen Ecktisch.

Gemächlich kehrte das Leben in den Schankraum zurück. Der Gastwirt wischte geschäftig mit einem schmutzigen Lappen über die Theke. Die Männer nahmen, erst gedämpft, dann in der alten Lautstärke ihre Gespräche wieder auf. Dabei ließen sie uns nicht aus den Augen. Einige rückten ihre Hocker so, dass sie uns besser im Blick hatten.

Ich lauschte und freute mich an ihrem breiten Helidialekt. Sie sprachen nicht über uns. Es ging, wenn ich sie richtig verstand, um eine Ziege, die einem der Bauern gehörte. Sie riss anscheinend in schöner Regelmäßigkeit aus und fraß sich auf den Feldern der Nachbarn satt. Nun wurde erörtert, ob der Besitzer dazu gebracht werden konnte, das Tier zu schlachten oder ob er jedes Mal für den entstandenen Schaden zahlen sollte.

Indessen drückte mich Hetta auf die Bank und setzte sich mir gegenüber mit dem Rücken zu den Männern. Mir war immer noch nicht wohl in meiner Haut, dennoch freute ich mich aufrichtig, sie zu sehen.

 

Aus der stolzen, starken Frau war ein verhutzeltes, altes Weiblein geworden. Ein dichtes Netz feiner Falten überzog ihr hageres Gesicht.  Es trug Spuren unzähliger Narben. Doch ich hatte sie gefunden, sie lebte und sie würde mir erklären, was mit der Mühle geschehen war.

Ich schob meine Hand über den Tisch und legte sie auf die ihre. „Ich freue mich, dass du lebst, Hetta! Ich komme gerade von dem, was von Saslan Salkotim übrig ist ...“

Ich brach ab, irritiert von ihrem wilden Blick, in dem der reine Hass lag. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Sicher wollte sie nicht an den Verlust der Mühle erinnert werden.

Ich konnte sie nicht fragen, weil der Wirt mit dem Essen kam.

Er stellte einen Teller mit Fladenbrot, geviertelten Tomaten mit Olivenöl, Salzfisch und ein Töpfchen Olivencreme vor mich hin. Dazu einen kleinen Krug mit Wein und einen mit Wasser. Er brachte nur einen Becher, den er hart vor mir absetzte.

Hetta raunzte er unfreundlich an: „Aber nur bis die Essensgäste kommen!“

Sie hob die Brauen und antwortete ihm mit einem schnalzenden Geräusch.

Er wischte mit seinem speckigen Ärmel ein paar Krümel vom Tisch  und schob mir den Teller hin. Nach einem kurzen, abschätzenden Blick über meine zwar schmutzige, dennoch respektable Kleidung entbot er mir den rituellen Gruß: „Floth hakamen hasnath - seid geehrter Gast.“

Lustlos vorgebracht, aber immerhin. Er verbeugte sich, wenn auch nicht tief, mit der Hand auf seinem Herzen. Auch ich verneigte mich und antwortete freundlich: „Eskieth Rogh na imen kla - es ist eine Freude, an Eurem Tisch zu sein.“

Er schaute etwas verdutzt. Ich hatte nicht viel Erfahrung mit öffentlichen Lokalen in Fasanthiola. Vielleicht wurde diese Höflichkeit nur in privaten Haushalten benutzt?

Als er gegangen war, zeigte Hetta auf meinen Teller und nickte mir zu: eine Aufforderung zum Essen. Mehr aus Verlegenheit als aus Hunger riss ich ein Stück von dem Fladenbrot ab und stieß es in die Olivencreme. Ich tat es, um beschäftigt zu sein und Hetta nicht anschauen zu müssen.

Ich nahm einen Bissen und freute mich über den einzigartigen Geschmack. Es schmeckte nur leicht salzig und etwas nach Gras. Man hatte für die Creme die edle Olivensorte genommen, die mit den großen Früchten, und sie nicht zu lange in der Salzlake liegen lassen.

„Was ist geschehen?“, brach ich endlich das unerträgliche Schweigen.

Ihr im Alter schmal gewordener Mund wurde zu einem dünnen Strich.

„Hetta, bitte“, flüsterte ich eindringlich. „Sag es mir, ich weiß es nämlich nicht!“

„So? Du behauptest, nichts davon zu wissen?“, zischte sie plötzlich und ihr Kopf schoss vor wie ein Geier, bevor er dem Aas die Augen aushackt. Ich wich unwillkürlich zurück, als ich ihren schlechten Atem roch.

„Ich ... ich weiß es wirklich nicht!“, stotterte ich. „Ich war ... lange weg, ich ... Es ist viel geschehen in der Zwischenzeit.“

Warum verteidigte ich mich?

Ihr ganzes Gesicht verzerrte sich, als wollte sie mich anspucken. „Das glaub ich dir gerne ... volt Han (volt Han = Zauberer, Hexer)!“, sagte sie langsam mit tiefer Stimme. „Du hast uns alle hinters Licht geführt, hast uns belogen und betrogen, hast unsere Gutmütigkeit und unseren Schutz ausgenutzt!“

Ich starrte sie an, das Stück Brot noch ungekaut im Mund.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Hetta!“

Mein Blick glitt an ihr vorbei auf die alten Männer, die uns beobachteten und ich versuchte zu lächeln. „Du weißt vielleicht nicht, wie wohl ich mich bei euch gefühlt habe.“

Meine Stimme zitterte, ich hatte das Gefühl, sie glaubte mir kein Wort und ich selbst ritt mich mit jeder Silbe weiter hinein in ein Gespinst von Lügen.

„Ich habe es dir nie gesagt, aber es stimmt!“, betonte ich verzweifelt. „In jener Nacht ... damals nach unserem Abschied ... sind schreckliche Dinge passiert! Hier und in ganz Fasanthiola. Auch mir ist Unrecht geschehen und ich durfte zwanzig Jahre nicht ...“, stammelte ich, bis sie mich heftig unterbrach: „Ach sei still, Nesmeth (Nesmeth = Heuchler)! Wegen dir habe ich meine Mühle, meine Existenz verloren. Wegen dir wurde Filermon ans Mühlentor genagelt. Wegen dir wurde Agnietha zu Tode vergewaltigt, Froslith enthauptet und die anderen bei lebendigem Leib verbrannt! Alle verbrannt! Die Aksat Frisolis (Aksat Frisolis = Wächter von Frisoli) sind über uns hereingebrochen, haben unser Hab und Gut verwüstet und anschließend in Brand gesetzt. Ein Fest war das!“ Sie funkelte mich giftig an. „Ha! Ein Fest! Kannst du dir vorstellen, wie höllisch heiß es wird, wenn tausend Krüge Öl brennen?“

 

Autorin Ursula Dittmer - Verantw. i. Sinne des §22 Abs 2 und des §5 Telemediengesetz: Ursula Dittmer  | fasanthiola@gmx.de